„Steigen Sie in den Zug und fahren Sie Vollgas los“

Anja Malensek war am 7. November 2018 auf einem Freiticket der Freischreiber Österreich beim 20. Journalistinnenkongress in Wien mit dem Thema „20 Years ago – 20 Years ahead“. In ihrem Bericht beschreibt sie, welche Chancen der Besuch gerade für freie Kolleginnen bietet.

Schade, dass es den Journalistinnenkongress nur einmal im Jahr gibt. Es ist eine der motivierendsten Veranstaltungen, die mir bekannt sind. Das Gefühl, verstanden zu werden und ein gemeinsames Ziel zu verfolgen, ist dort unverkennbar.

Gedanken wie „Ich kann nicht, ich schaffe das nicht!“ lösen sich beim Kongress sofort auf. Es ist eine Power-Frauen-Veranstaltung, eine Energiedosis ohnegleichen. Für eine freie Journalistin auf der Suche nach neuen Kontakten ist der #JOKO der perfekte Ort. çMan bzw. frau (wie es manche Vortragenden sagten) trifft nicht nur neue Menschen, man trifft auch bekannte Gesichter und wegen des dichten Programms gibt es fast zu viel Gesprächsstoff für die wenigen Pausen.

Wenn erfolgreiche Journalistinnen Geschichten von ihren Anfängen oder dem Kampf gegen Sexismus erzählen, werden die eigenen Probleme in Relation gesetzt. Der Gedanke, dass wir Frauen es in der Medienbranche alle schwer haben, ist zwar nicht schön, aber auf eine gewisse Art trotzdem erleichternd.

Große Vorbilder wie Claudia Reiterer, deren Rede mich sehr beeindruckt hat, begannen mit einem gelernten Beruf, aber zunächst ohne Studium. Sie war diplomierte Krankenschwester auf der Herzchirurgie, als sie sich beim ORF beworben hatte. Das wurde anfangs nicht ernst genommen. Aber sie kämpfte weiter und bewies, dass man Dinge, die man wirklich erreichen will, irgendwann erreicht. Bei ihr dauerte es 20 Jahre, bis sie ihre gewünschte Sendung moderieren konnte. „Wenn Sie auf das Abstellgleis gestellt werden, steigen Sie einfach in den Zug ein und fahren Sie Vollgas los – an den anderen vorbei,“ riet sie. Sich in die Opferrolle zu versetzen und nach Ausreden zu suchen, sei keine Lösung. Auch von zu viel Gemütlichkeit riet sie ab: „Raus aus der Blumenwiese, rein in den Dschungel.“ Erst dort gibt es die echten Storys. Die Aussage „Ich habe kein Fernsehgesicht“ ist für Reiterer ebenfalls eine unmögliche Ausrede, weil es sowas wie ein Fernsehgesicht nicht gibt. Nach Reiterers Rede hatte ich eine Seite voller Zitate; auch auf Twitter wurden viele unter #joko2018 gepostet.

Es war erfreulich, so viele Jungjournalistinnen sowohl auf der Bühne als auch im Publikum und im Kongressteam zu sehen („Young Stars“ Programm). Sehr toll fand ich auch die feurige Rede von Alexandra Stanic, der neuen Vice Austria Chefin.

Viele Sprecherinnen betonten, was eines „unserer“ Hauptprobleme ist: Wir machen uns kleiner, als wir sind. Wenn wir selber an uns zweifeln, werden das auch andere tun. Das muss einem immer wieder bewusst gemacht werden.

Wenn wir es allerdings schaffen, über Selbstzweifel und Angst hinwegzukommen, entstehen ganz viele Erfolgsgeschichten. Von einigen erfuhr ich beim Workshop „Do it yourself – entrepreneurial Journalism“ mit Eva Weissenberger von missing-link, Lisa Obendorfer von addendum und Sahel Zarinfard von Dossier.

Meine bestehende Faszination über die Rechercheplattform dossier.at wurde noch größer, als ich erfuhr, dass die Gründergruppe anfangs extrem viel Arbeit ohne Bezahlung, Garantie für Erfolg und ganz auf eigene Faust geleistet hatte. Einfach so, auf gut Glück. Heute schafft es Dossier, innerhalb von zwei Wochen eine Crowdfunding-Kampagne fertig finanziert zu bekommen. Hut ab!

Eva Weissenberger betonte, wie wichtig es ist, bei der Gründung eines Mediums die Zielgruppe genau zu definieren. Und wie sehr wir uns unterschätzen, wenn wir glauben, dass jeder in Storytelling geübt ist. Es sei sehr schwer, die Aufmerksamkeit einer Zuhörerin/eines Zuhörers für eine ganze Stunde zu gewinnen. Der Podcast „Ganz offen gesagt“ hat bewiesen, dass das nicht unmöglich ist.

Nach anregenden Diskussionen und Vernetzungen waren alle meine Visitenkarten weg. Das tolle Gefühl, das der Kongress hinterlassen hat, dauerte mehrere Tage. Bis zum nächsten JOKO gilt: Bei ersten Selbstzweifeln an die inspirierenden Geschichten zu denken und nie, nie, nie in Selbstmitleid zu versinken. Wenn man wirklich will, geht es auch.

Text: Anja Malenšek